| DAS RÄTSEL DES BEWUSSTSEINS |
|
Eine Erklärungsstrategie. |
| Paderborn: mentis 1999 |
Die Reichweite empirischer Erklärungen für phänomenale Bewußtseinszustände wie Schmerzen oder Farbempfindungen gehört gegenwärtig zu den umstrittensten Problemen in der Philosophie des Geistes, aber auch in den Neuro- und Kognitionswissenschaften. Zur Diskussion steht nicht nur, wie die Entstehung von Bewußtsein aus der Aktivität simpler Neuronen erklärt werden kann; fraglich ist vielmehr, ob hier überhaupt eine Erklärung möglich ist.
Unlösbar dürfte das Problem vor allem dann erscheinen, wenn man nach den geheimnisvollen Eigenschaften sucht, die Neuronen dazu befähigen, Schmerzen zu »produzieren«. Wesentlich mehr Erfolg verspricht hier eine weiterentwickelte Form der klassischen Identitätstheorie. Aus ihrer Sicht handelt es sich um ein epistemisches Problem, das das Verhältnis zwischen den subjektiven Erfahrungen aus der Perspektive der ersten Person und den objektiven Erkenntnissen der Neurophysiologie betrifft. Es zeigt sich, daß insbesondere mit Hilfe der Emotionspsychologie eine tragfähige Verbindung zwischen diesen beiden Perspektiven hergestellt werden kann. Wenn sich nämlich plausibel machen läßt, daß ein Bewußtseinszustand identisch ist mit einem bestimmten neuronalen Prozeß, dann kann die physiologische Erklärung des neuronalen Prozesses gleichzeitig auch eine plausible Erklärung des mentalen Zustandes werden.
Auf diese Weise wird es möglich, naturwissenschaftliche Erkenntnisse für die Erklärung von mentalen Prozessen in Anspruch zu nehmen, um so dem »Rätsel des Bewußtseins« zu Leibe zu rücken. Eine solche Erklärung lieferte wichtige Argumente für die Identitätstheorie; unbegründet wäre allerdings die Befürchtung, daß damit unser Selbstverständnis als bewußter, empfindender und frei handelnder Subjekte in Frage gestellt würde.
Aus dem Inhalt
Teil I: Grundprobleme
Terminologie (Bewußtsein, Phänomenales und kognitives Bewußtsein, Funktionale Gesichtspunkte, Eigenschaften und Ereignisse, Grenzen des Vokabulars)
Epistemologie (›Objektivität‹, Physikalismus, Reduktion)
Ontologie
(Dualismus, Objektdualismus, Eigenschaftsdualismus, Monismus, Eliminativer
Materialismus, Identitätstheorie)
Teil II: Identitätstheorie und Eigenschaftsdualismus
Eigenschaftsdualismus (Identität von Eigenschaften, Kausale Relevanz, Konsequenzen)
Identitätstheorie
Möglichkeiten der empirischen Verikation
Das Beispiel Schmerz
Multiple Realisierung
Der Einwand Kripkes
Erklärungslückenproblem
Emergenz
Funktionale Analysen phänomenaler Begriffe
Das Beispiel Furcht
LESEPROBE (p. 195-198)
FAZIT
Es scheint sinnvoll, zum Abschluß ein Fazit der zentralen Thesen und Argumente zu ziehen. Die Identitätstheorie, die im Mittelpunkt der hier vorgeschlagenen Strategie steht, ist nur eine von vier ontologischen Grundpositionen in der Philosophie des Geistes. Gegen alle diese Positionen gibt es Einwände; diese erweisen sich jedoch nur im Falle des eliminativen Materialismus und des Eigenschaftsdualismus als so schwerwiegend, daß diese Positionen dadurch grundsätzlich in Frage gestellt werden. Bedenken gibt es auch gegenüber dem Objektdualismus. Eine Zurückweisung dieser Position folgt hieraus allerdings nicht; der Objektdualist muß sich überdies nicht auf eine cartesianische Metaphysik einlassen. Er kann auch behaupten, daß es sich bei mentalen Zuständen um physikalisch beschreibbare Entitäten einer neuen Kategorie handle. Die letzte Entscheidung über diese Theorie läßt sich daher erst auf der Basis empirischer Ergebnisse treffen. Sofern solche Ergebnisse heute bereits vorliegen, sprechen sie allerdings gegen den Objektdualismus.
Die Identitätstheorie erweist sich daher letztlich als die aussichtsreichste Alternative, doch auch hier gibt es einige schwerwiegende Probleme. Vergleichsweise einfach fällt die Antwort auf den Einwand, die Theorie lasse sich empirisch nicht belegen: Offenbar können stabile, spezische und systematische Korrelationen die Identitätsbehauptung stützen, obwohl sie alleine damit noch nicht zu rechtfertigen ist. Ausräumen läßt sich zudem der bis in die Gegenwart vielbeachtete Einwand der ›multiplen Realisierung‹: Es ist nämlich weder nötig noch wahrscheinlich, daß sich die Identitätsbehauptung auf sämtliche Eigenschaften eines bestimmten Prozesses bezieht. Eigenschaften, die nicht Gegenstand dieser Behauptung sind, können daher variieren. Diese Variationen können zu neuen Realisierungen führen, ohne daß dadurch die Identitätsbehauptung in Zweifel gezogen würde.
Entscheidende Bedeutung gewinnt somit die Frage, inwieweit diese Behauptung in der Philosophie des Geistes zur Erklärung mentaler Eigenschaften beizutragen vermag. Das Problem verschiebt sich damit auf die epistemische Ebene: Wenn mentale Eigenschaften mit neuronalen Eigenschaften identisch sind, dann kann eine Erklärung nicht mehr an dem ›Verhältnis‹ dieser Eigenschaften ansetzen, sondern nur noch an dem Verhältnis der Erkenntnisse, die sich auf die eine psychophysische Eigenschaft beziehen. Es muß also plausibel gemacht werden, daß neurophysiologische Theorien über C-Faserreizungen tatsächlich die Entstehung von Schmerzen erklären können.
Voraussetzung zur Lösung dieses Problems ist der Gewinn von konkretem Wissen über die funktionalen Eigenschaften mentaler und insbesondere phänomenaler Zustände. Im Gegensatz zu einer weitverbreitete Annahme läßt sich zunächst ganz unabhängig von allen ontologischen Prämissen zeigen, daß auch phänomenale Zustände kausal wirksam sein müssen. Gegenläuge Intuitionen, die in der Diskussion immer noch eine wichtige Rolle spielen, sind also offenbar verfehlt; es gibt daher keinen prinzipiellen Einwand gegen die Erwartung, daß diese Kausalzusammenhänge auch erkennbar sein sollten.
Tatsächlich kann die Suche nach solchen Zusammenhängen bereits bei alltäglichen Vorstellungen ansetzen. Schon die geläugen Begriffe von Emotionen enthalten nämlich funktionale Implikationen z. B. in bezug auf Körperreaktionen und Handlungstendenzen. Diese zunächst noch sehr ungenauen Angaben lassen sich auf der Basis emotionspsychologischer Erkenntnisse in einem zweiten Schritt präzisieren, so daß in einem dritten Schritt nach der neurophysiologischen Basis der auf diese Weise bestimmten Funktionen gesucht werden kann.
Mittlerweile liegen erste derartige Erkenntnisse für Schmerzen und Furchtzustände vor. Für ein endgültiges Urteil über die Erfolgsaussichten dieser Bemühungen ist es zwar noch zu früh, dennoch ist zu erkennen, daß funktionale Beschreibungen prinzipiell möglich sind. Sollte es gelingen, diese Beschreibungen zu präzisieren und zu vertiefen, und sollten sich die auf diese Weise gewonnenen Prognosen und Erklärungen als erfolgreich erweisen, dann scheint eine Angleichung der Alltagsintuitionen an die wissenschaftlichen Erkenntnisse möglich. Dies könnte dazu führen, daß neurophysiologische Erklärungen phänomenaler Zustände die ihnen heute noch fehlende intuitive Plausibilität gewinnen. Sie würden damit entscheidend zur Begründung der Notwendigkeit der behaupteten psychophysischen Identitätsbeziehungen beitragen, schließlich könnte man in diesem Falle zeigen, warum ein bestimmter phänomenaler Zustand auftreten muß, sobald ein neuronaler Prozeß die in der Erklärung genannten Eigenschaften aufweist.
Zu betonen ist dabei noch einmal der Unterschied zwischen dieser Strategie und gewissen Erwartungen der Vertreter des Erklärungslückenargumentes. Wenn hier von einer Erklärung phänomenaler Zustände die Rede ist, dann wird damit nicht behauptet, die Neurophysiologie werde eines schönen Tages die geheimnisvollen Eigenschaften entdecken, kraft derer Neuronen Bewußtsein oder C-Fasern Schmerzen »produzieren«. Abgesehen davon, daß die dieser Erwartung zugrundeliegende Trennung von neuronalen und mentalen Zuständen der Identitätsbehauptung widerspricht, gehören bewußte Prozesse schon allein aus methodischen Gründen nicht zu den möglichen Gegenständen der Neurophysiologie oder einer heute praktizierten Naturwissenschaft. Es ist angesichts dieser verfehlten Fragestellung nicht weiter verwunderlich, daß das Problem unlösbar zu sein scheint. Im Gegensatz dazu basiert die hier vorgeschlagene Strategie auf dem durch die Identitätsbehauptung begründeten Transfer neurophysiologischer Erkenntnisse auf Probleme des phänomenalen Bewußtseins: Die obigen Darlegungen zeigen, daß ein solcher Transfer prinzipiell möglich ist und daß er plausible Erklärungen erlaubt, ohne daß dazu eine grundsätzliche Neuorientierung der Neurophysiologie oder einer anderen empirischen Wissenschaft erforderlich wäre.
Die wiederholte Bezugnahme auf ›mögliche‹ Entwicklungen mag den hier angestellten Überlegungen zuweilen einen etwas spekulativen Charakter geben. Darin verrät sich jedoch keine geheime Vorliebe für schlechte Science-ction, sondern die Abhängigkeit philosophischer Überlegungen von den Erkenntnissen der empirischen Wissenschaften, den gegenwärtigen wie auch zukünftigen Erkenntnissen. Die Philosophie kann diese Erkenntnisse – natürlich – nicht vorwegnehmen, aber sie kann die Konsequenzen und Bedingungen möglicher Entwicklungen erörtern. Zu diesem Zweck ist nicht zuletzt eine etwas genauere Auseinandersetzung mit den wahrscheinlichsten weiteren Entwicklungen notwendig.
Insofern scheint es erlaubt, zum Schluß einmal zu fragen, welche weiterreichenden Konsequenzen die oben skizzierte Situation hätte. Was würde also passieren, wenn wir nicht nur ganz allgemein wüßten, daß unsere Wünsche, unsere Gefühle und unsere Empndungen auf physischen Prozessen beruhen, sondern im Zweifelsfalle auch noch plausible Erklärungen dafür hätten, daß sich ein bestimmter Schmerz so und nicht anders anfühlt oder daß wir in einer gegebenen Situation diese und nicht jene Empndung gespürt haben?
Es dürfte klar sein, daß die Frage eine wesentlich ausführlichere Auseinandersetzung verlangt, als am Ende dieser Studie möglich ist. Zumindest eine recht weit verbreitete Erwartung läßt sich jedoch auf der Basis der in diesem Buch vorgebrachten Argumentation zurückweisen. Eine Aufklärung der zentralen Bewußtseinsprozesse in dem oben skizzierten Sinne hätte nämlich nicht zur Folge, daß wir nun sagen könnten, Schmerzen seien in Wirklichkeit ›nichts als‹ die Reizungen von C-Fasern, Furchtzustände in Wirklichkeit ›nichts als‹ durch den Präfrontalen Kortex repräsentierte Aktivitäten der Amygdala.
Daß solche Ansprüche verfehlt sind, ergibt sich aus den epistemischen Implikationen von Identitätsbehauptungen. Wenn wir Schmerzen mit C-Faserreizungen identizieren, dann heißt das ja nur, daß eben der Prozeß, den wir als Schmerz erleben, in der Sprache der Neurophysiologie als ›C-Faserreizung‹ beschrieben werden kann. Aus dem Hinzukommen eines neuen Zugangs und einer dazugehörigen Form der Beschreibung folgt jedoch keineswegs, daß die uns vertrauten Zugänge zu dem Phänomen und die dazugehörigen Formen der Beschreibung grundsätzlich unzutreffend wären. Genau das müßte jedoch gezeigt werden, wollte man tatsächlich behaupten, man habe es hier ›in Wirklichkeit‹ nur mit C-Faserreizungen und also ›eigentlich nicht‹ mit Schmerzen zu tun. Erforderlich wäre also der Nachweis, daß die alltagssprachliche Beschreibung nicht zutrifft, daß die behauptete subjektive Schmerzerfahrung illusorisch ist oder daß sich hinter dieser Erfahrung etwas ganz anderes verbirgt.
In jedem Falle müßte hier ein Gegensatz zwischen der wissenschaftlichen und der alltagssprachlichen Beschreibung des Phänomens bestehen. Genau damit würde jedoch eine der zentralen Voraussetzungen für die Legitimation der Identitätsbehauptung verfehlt: Wie oben gezeigt, können die aus der Identitätsbehauptung abgeleiteten Erklärungen nur dann Plausibilität gewinnen, wenn zumindest eine grundsätzliche Übereinstimmung zwischen wissenschaftlichen und alltagssprachlichen Beschreibungen des Phänomens besteht. Damit schließen die Bedingungen für die Etablierung der Identitätsbehauptung jene Gegensätze aus, die dazu führen könnten, daß neurophysiologische Theorien die alltagssprachlichen Beschreibungen verdrängen.
Auch hier zeigt sich
wieder, daß die zentrale Voraussetzung, die eine plausible Theorie des Bewußtseins
zu erfüllen hat, in der Integration von alltäglichen und
wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht; sie muß zudem eine Verbindung stiften zwischen der Perspektive der ersten und der
Perspektive der dritten Person. Im Moment sind wir noch weit von einer solchen
Theorie entfernt, doch wenn die hier angestellten Überlegungen zutreffen, dann
gibt es gute Gründe, eine solche Theorie für realisierbar zu halten, außerdem
ist eine Strategie zu erkennen, die zu diesem Ziel führen könnte. Es gibt also
zumindest im Moment keinen Anlaß für die Behauptung, wir stünden vor einem
unüberwindlichen Rätsel des Bewußtseins – so rätselhaft viele Probleme auch
sein mögen.