| Dithyrambiker des Untergangs. |
Gnostisches Denken in Philosophie und Ästhetik der Moderne.
|
| Berlin: Akademie Verlag 1994 |
Thema der
Arbeit sind gnostische Strukturen in der Philosophie und Ästhetik der Moderne.
Nach einem in der Spätantike einsetzenden Überblick über die
Rezeptionsgeschichte der Gnosis zeigt die Schrift, wie sich nach der
Jahrhundertwende bei maßgeblichen Autoren wie dem jungen Bloch, bei Heidegger,
Klages und später bei Adorno eine bestimmte Denkfigur durchsetzt.
Charakteristische für diese Denkfigur sind ein ausgeprägter Kulturpessimismus,
die radikale Kritik an Wissenschaft und Öffentlichkeit, das Bewußtsein der Auserwähltheit
und Zukunftshoffnungen, die bis ins Eschatologische gesteigert sind. Erkennbar werden dabei nicht nur
überraschend deutliche Parallelen zu gnostischem Denken, sondern - trotz
politischer und inhaltlicher Differenzen - auch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten
in den Problemen und Aporien, mit denen sich die Autoren auseinanderzusetzen
haben.
Wichtig ist,
daß der hier artikulierte Pessimismus nur zum Teil als Reaktion auf soziale
oder intellektuelle Krisensituationen begriffen werden kann: Es handelt sich
vielmehr um einen ›sekundären Pessimismus‹, in dem ästhetische und rhetorische
Momente wirksam sind. Sie erlauben die Inszenierung der schrecklichen Realität
ebenso wie die ›Selbstermächtigung‹ desjenigen, der diese Schrecken entlarvt.
Die Frage nach
gnostischem Denken legt somit nicht nur bislang weitgehend ignorierte Traditionen
frei, sie erlaubt es auch, Denkstrukturen zu entschlüsseln, die zum Teil noch
in der Gegenwart fortbestehen.
Aus dem Inhalt:
Erster Teil:
Die Gnosis und die Geschichte ihrer Rezeption
Historische
Skizze - Apokalyptiker und Etablierte (Augustinus, Plotin)
Hermetikrezeption in der Renaissance (Innozenz III.,
Valla, Manetti, Marsilio Ficino, Pico, Bruno)
Schopenhauer
und die Folgen (Schopenhauer, Mainländer, Eduard von Hartmann, Bachofen,
Nietzsche)
Avantgarde
und Okkultismus (Baudelaire, Mallarmé, George)
Geistige
Kunst (Gauguin, Mondrian, Malewitsch, Worringer, Kandinksy)
Zweiter Teil:
Gnostizismus in Ästhetik und
Philosophie der Moderne
Ludwig
Klages: Heidnische Gnosis
(Geschichtsphilosophie, Anthropologie, Erkenntniskritik)
Apotheose
des Subjekts: Gnostizismus in Blochs Geist
der Utopie
›Entzückungen
am Herdfeuer des Seyns‹: Martin Heidegger (Frühwerk, Sein und Zeit, Beiträger zur Philosophie)
Der
Weg von Trost zu Trauer: Versöhnungshoffnung und Negativität bei Theodor W.
Adorno (Gnosis-Kritik im Kierkegaard, Dialektik der Aufklärung, Ästhetik,
Geschichtspessimismus und Erkenntniskritik).
Leseprobe (p. 7-17)
Einleitung
»Wenn die
Hörer die Ansichten der Häretiker kennen lernen, die einem von gewaltigem
Sturme aufgepeitschten Meere gleichen, so sollten sie vorbeisegeln und den
ruhigen Hafen aufsuchen. Denn ein solches Meer ist voll wilder Tiere und
unpassierbar, wie zum Beispiel das sizilische, von dem die Sage geht, daß der
Zyklop und die Charybdis und die Scylla und der Sirenenberg sich dort
finden. ... Mein Rat für die, welche sich mit derlei beschäftigen, geht
dahin, entweder wegen ihrer Schwachheit mit zugeklebten Ohren die Ansichten der
Häresien zu durchsegeln und auch nicht auf das zu hören, was, wie der liebliche
Gesang der Sirenen, leicht zur Wollust anreizen kann, oder aber sich an das
Holz Christi zu binden und in Treuen zu lauschen und sich nicht verwirren zu lassen,
sondern aufrecht stehen zu bleiben, im Vertrauen auf das, an das man gebunden
ist.«[1]
Die
Vorkehrungen, die Hippolyt von Rom für erforderlich hält, um jene Gefahren für
Leib und Seele abzuwenden, die den Rechtgläubigen bei der Bekanntschaft mit den
Schriften der gnostischen Ketzer drohen, zeugen nicht zuletzt von der
Anziehungskraft der Häresien auf den Kirchenvater selbst. Dabei war es nicht
die Schuld der Katholischen Kirche, wenn der ›liebliche Gesang der Sirenen‹
auch in den folgenden Jahrhunderten nicht verstummte; immerhin hatten die
Vorgänger der Heiligen Inquisition nach dem Sieg der Kirche gegen die Sektierer
gründliche Arbeit geleistet und fast sämtliche Dokumente der Gnosis vernichtet.
Kaum mehr blieb von ihr erhalten als ein Zerrbild in den Kampfschriften der
Kirchenväter, die in der Überzeugung, hier gegen ein Werk des Satans zu
kämpfen, weder Zeit noch Mühe gespart hatten, die Schrecken dieser teuflischen
Häresie ins rechte Licht zu rücken. Wenn trotz Scheiterhaufen und hochnotpeinlicher
Befragungen doch immer wieder eine mehr oder minder große Zahl von
Christenmenschen sich weigerte, die Ohren zuzukleben und das Kreuz des rechten
Glaubens auf sich zu nehmen, so dürfte dafür auch jene geheime Faszination
verantwortlich sein, von der nicht nur Hippolyts Widerlegung aller Häresien ein beredtes Zeugnis ablegt.
Tatsächlich
lohnt es auch heute noch, nachdem längst eine Vielzahl originär gnostischer
Quellen aufgefunden worden ist, einen Augenblick bei antiken oder modernen
Autoren zu verweilen, die der Gnosis ablehnend gegenüberstehen - immer wieder
läßt sich dabei nämlich die Erfahrung machen, daß hinter den Ausrufen des
Abscheus und den Beteuerungen der Verwerflichkeit der dargestellten Lehren eine
merkwürdige Anziehungskraft sichtbar wird. Sie verrät über die Gesetze, denen
die Wirkungsgeschichte dieser Lehre folgt, kaum weniger als die eigentlichen
Quellen. Dies gilt nur am Rande für den Fall des Epiphanius von Salamis, der
sich in seinem Panarion Haeresium mit
einer bemerkenswerten Liebe zum Detail über die angeblich libertinistischen
Sexualpraktiken der karpokratianischen Gnostiker ausläßt und damit von Bachofen
bis zum jungen Lukács ein dankbares Publikum gefunden hat - nur selten vermag
allein unterdrückte Sexualität das Interesse an gnostischen oder apokryphen
Lehren zu erklären. Eher ist es schon eine Mischung aus Abscheu und
Bewunderung, die von der Hybris der Gnostiker und ihrer Nachfolger ausgeht,
scheren sie sich doch wenig um die durch Autorität oder Konvention gesetzten
Grenzen des erlaubten Wissens - auch wenn zu deren Einhaltung weder Wachs noch
Fesseln erforderlich waren. Nicht zuletzt hieraus dürfte die Faszinationskraft
von Gestalten wie der des Dr. Heinrich Faust zu erklären sein - übrigens ein später Nachfahre des
›ersten Gnostikers‹ Simon Magus,[2] den die
»meisten alten und neuen Scribenten vor einen anfänger und ursprung aller
andern kätzereyen«[3] halten.[4]
Enger noch
sind die Verbindungen zur Gnosis bei einer Romangestalt Balzacs: Balthasar
Claes aus La Recherche de l’absolu bildet
zusammen mit seinem schon durch die Physiognomie als Teufel ausgewiesenen
Diener ein Pendant zu den beiden Protagonisten aus Goethes Werk. Als Alchimist, der ›die Natur noch
einmal‹ schaffen will, steht der Held in der Tradition der hermetischen Gnosis,
und Balzac läßt keine Gelegenheit aus, ihn der Hybris, ja des zerstörerischen
Wahnsinns zu überführen. Claes ruiniert sich selbst, treibt seine Frau in den
Tod und vergeudet schließlich auch noch das Vermögen seiner Kinder, ohne seinem
Ziel einen Schritt näher zu kommen: Der selbsternannte Weltenschöpfer soll als
gescheiterte Existenz entlarvt werden.
Doch des
Autors Pläne werden von den Figuren seines Romans durchkreuzt: Zu
offensichtlich ist ihr Respekt vor dem genialen Sonderling, in dessen Nähe sie
selbst ebenso verblassen wie der Famulus Wagner vor seinem Meister. Balthasars
realitätsmächtige Gegenspieler wissen sich den Gesetzen einer Wirklichkeit zu
fügen, in der allein »Ausdauer und Arbeit«[5] zählen; doch
gerade dies setzt sie gegenüber dem Helden ins Unrecht, der seine Verachtung
des Bestehenden beweist, indem er sich weigert, die ihm reichlich zugefallenen
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auszuwerten, und statt dessen sein
gesamtes Vermögen der Phantasmagorie eines Wissens opfert, das ihnen ewig
unzugänglich bleiben wird. Mit dieser Erhebung über sämtliche Konventionen läßt
Balzacs Held ein spezifisches Kennzeichen gnostischen Denkens erkennen, die Selbstermächtigung des Subjekts;
doch
was - nach dem Willen des Autors - eigentlich als leere Hybris
diskreditiert werden soll, zeigt zumindest in den Reaktionen der übrigen
Personen des Romans eine überraschende Wirksamkeit.
Nicht nur bei
ihnen: Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die Beobachtung eines wachsenden
Interesses an gnostischen Vorstellungen insbesondere seit dem Beginn dieses
Jahrhunderts. Rudolf Steiner etwa gibt kurz nach der Jahrhundertwende eine
Zeitschrift mit dem Titel Lucifer-Gnosis heraus, zu deren Leserschaft Künstler wie Kandinsky zählten. Ungefähr
gleichzeitig publiziert Eugen Heinrich Schmitt sein voluminöses Werk über die Gnosis
und Martin Buber veröffentlicht
in seinen Ekstatischen Konfessionen einen
Text, der dem Gnostiker Valentinus zugeschrieben wird. Der Hartmann-Schüler
Eugen Drews vertritt in seiner Christusmythe
die These, daß Jesus-Christus eine bloße Erfindung der Gnostiker sei,[6] und Carl
Gustav Jung verfaßt 1916 ein Werk unter dem Pseudonym des Gnostikers Basilides,[7] das nach
eigenem Eingeständnis den Kern seiner späteren Theorie enthält.[8] Jungs Einfluß
läßt sich noch bei seinem späteren Patienten Hermann Hesse erkennen, der im Tractat vom Steppenwolf an gnostische
Vorstellungen anknüpft, wenn er die Welt als eine ›Fehlgeburt‹ bezeichnet, aus
der nur die ›Todesfeuer der Selbstschau‹[9] retten
könnten.
Lebhaftes
Interesse an der Gnosis zeigt auch der junge Lukács; seine Notizhefte belegen,
daß er sich intensiv mit Wolfgang Schultz’ Dokumenten
der Gnosis befaßt hat. Lukács macht in seiner Theorie des Romans ausgiebig Gebrauch von gnostischem Vokabular
- ähnliches gilt für Ernst Bloch, der mit Lukács zusammen in Heidelberg als
›Gnostiker‹ bekannt war und sein Erstlingswerk, den Geist der Utopie, später selbst als ›revolutionäre Gnosis‹
bezeichnet. Eine bemerkenswerte Aufgeschlossenheit für gnostische Theorien läßt
sich aber auch bei etablierteren Autoren feststellen: Adolf von Harnack etwa
veröffentlicht 1920 ein weithin beachtetes Buch über den Gnostiker Marcion, und
Max Weber befaßt sich nicht nur ausführlich mit der gnostischen
›Intellektuellenreligion‹, sondern benutzt auch selbst deren Terminologie, wenn
er die zeitgenössische Wirklichkeit als ein ›stahlhartes Gehäuse‹ bezeichnet.
Gnostische
Einflüsse sind auch in der Umgebung Stefan Georges zu beobachten, dessen Zirkel
von Max Scheler als eine ›gnostische Sekte‹ bezeichnet wird.[10] George selbst
knüpft mit den düsteren Prophezeiungen im Stern
des Bundes oder im Siebenten Ring an die Apokalyptik der Gnostiker an. Deutlicher noch wird der gnostische
Dualismus sichtbar im Jahrbuch für die
geistige Bewegung, das 1912 einen Kampf von »Ormuzd gegen Ahriman, von
Gott gegen Satan, von Welt gegen Welt« prognostiziert,[11] oder bei
Ludwig Derleth, der den Kampf zwischen einem ›Lichtgott‹ und den »Heerscharen
des Abgrunds in Harnisch von Pech und Ruß«[12] beschreibt.
Charakteristischer und wohl auch einflußreicher ist die ›heidnische Gnosis‹,
die der ›Kosmiker‹ Alfred Schuler in seinen Vorträgen Vom Wesen der ewigen Stadt entwickelt.[13] Sie zeigt
ihre Wirkung bei Ludwig Klages, der den ›Geist‹ als ›Widersacher der Seele‹
auftreten läßt, aber auch bei Walter Benjamin, der Schulers aus gnostischen
Traditionen übernommene Vorstellung der ›Aura‹ aufgreift.
Hugo
Ball spricht davon, »daß die modernen Künstler Gnostiker sind«,[14] und er behält damit zumindest insofern recht, als sich bei einer
Vielzahl von Künstlern lebhafte Anteilnahme an den Theorien der Gnostiker oder
doch zumindest Verwandtschaften mit ihren Lehren zeigen. Auf Hesse und George
wurde bereits verwiesen, ähnliches gilt für Ernst Barlach,[15] für Trakl, bei dem Peter Lincoln gnostische Tendenzen
festgestellt hat,[16] und für Kafka, dem Walter Sokel eine
›Strukturverwandtschaft‹ mit gnostischem Denken attestiert.[17] In trivialisierter Form lassen sich diese Tendenzen
zuweilen aber auch bei weniger bekannten Autoren wie Kurt Geucke[18] oder Georg Busse-Palma[19] beobachten.
Bemerkenswert
ist dieses lebhafte Interesse an gnostischen Vorstellungen nicht zuletzt
deshalb, weil es im Widerspruch zu einer Grundüberzeugung des Gnostizismus selbst
steht, der sich stets als Sache einer kleinen Minderheit begreift. ›Des Himmels
lichtgeküßte Söhne‹ benötigen die verblendeten Massen als den finsteren
Hintergrund, vor dem ihre eigene Auserwähltheit überhaupt erst sichtbar wird -
die Beliebtheit jener Geste des einsamen Erkennenden in einer Wüste der
Ignoranz mag daher verständlich sein, eine etwas genauere Betrachtung verdient
sie allerdings spätestens dann, wenn die Prätention der Einsamkeit zum
Allgemeingut wird.
Absicht der
folgenden Studie ist zunächst der Nachweis, daß dem gnostischen Denken eine entscheidende Bedeutung im philosophischen und
ästhetischen Diskurs der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts zukommt. Sie beruft
sich dabei nicht auf die Zahl der Adepten, sondern auf die Qualität und
Bedeutung ihrer Werke. Es geht hier also nicht um eine auf Vollständigkeit
bedachte Anhäufung neognostischer Schriften oder ein Panoptikum gnostischer
Motive. Ein solches Verfahren würde außer acht lassen, daß die Adaptation antiker
Vorstellungen durch das Denken der Moderne stets einen Übersetzungsprozeß darstellt. Dies gilt auch dort, wo sich die
Moderne explizit gnostischer Begriffe bedient: Offenkundig, daß eine Kluft
besteht zwischen den Erlösungsvorstellungen eines syrischen Schreibers im
zweiten nachchristlichen Jahrhundert und dem, was ein Intellektueller der
Zwischenkriegszeit im Sinne hat, wenn er das gleiche Wort verwendet - nicht zu
reden von Vorstellungen wie der ›Geworfenheit‹ oder dem
›Verblendungszusammenhang‹. Es kommt hinzu, daß eine Vielzahl von gnostischen
Motiven wie etwa der Gegensatz von Geist und Materie auch in anderen
Traditionen auftaucht. Der Hinweis auf den Gebrauch gleicher Begriffe oder
gemeinsamer Motive bleibt vordergründig, solange nicht der Zusammenhang in Betracht kommt, auf den sie bezogen sind.
Die
vorliegende Arbeit basiert daher auf einer systematischen Analyse maßgeblicher
ästhetischer und philosophischer Theorien, die zeigen soll, daß die
Verwandtschaft zwischen den antiken Gnostikern und ihren modernen Nachfahren struktureller Natur ist. Entscheidend
ist nicht die Identität der Gehalte, sondern der Rückgriff auf eine gemeinsame
Denkfigur, eine Grammatik des Denkens, welche die teilweise recht unterschiedlichen
Vorstellungen zusammenfügt.
Diese Struktur
allerdings, so wird im folgenden zu zeigen sein, ist höchst charakteristisch;
sie unterscheidet sich nicht nur von aufklärerischen Vorstellungen, sondern
auch von Traditionen wie etwa der Romantik, der trotz einzelner
Übereinstimmungen vor allem die Radikalität fehlt, mit der sich die Gnosis
gegen das Bestehende stemmt.[20] Gnostisches
Denken stellt einen Verweisungszusammenhang dar, dessen einzelne Elemente sich gegenseitig bedingen. Erst die innere
Logizität dieses Bezugssystems erlaubt es, trotz der historischen Distanz und
trotz gewisser inhaltlicher Unterschiede bei den hier vorzustellenden
Vertretern gnostischen Denkens von einer substantiellen Verwandtschaft zu
sprechen. Obwohl die folgende Untersuchung somit die
Analyse der strukturellen Gemeinsamkeiten innerhalb
dieser Tradition in den Mittelpunkt stellt, wird sie zuweilen exemplarisch auf
das Verhältnis zu anderen Konzeptionen eingehen. Besonders geeignet erscheinen
dazu einzelne Motive, die das gnostische Denken mit der platonischen
Philosophie, der Mystik oder der Romantik teilt, lassen doch gerade solche
partiellen Überschneidungen die Unterschiede im argumentativen Kontext und
damit die Spezifik der gnostischen Denkfigur besonders klar hervortreten.
Möglich ist
somit eine genauere Bestimmung der These vom ›Gnostizismus der Moderne‹. Sie
unterstellt nicht etwa, daß moderne Autoren durch die bloße Bekanntschaft mit
bestimmten Texten zu einer Restitution des gnostischen Denkens bewogen werden
könnten. Eine solche grob mechanistische Erklärung, mit der die Philologien
zuweilen liebäugeln, ignoriert die Freiheit eines Lesers, sich für oder gegen das Gelesene zu entscheiden. Es kommt hinzu, daß der Gnosis,
abgedrängt in apokryphe Strömungen, die prägende Kraft geistesgeschichtlich
präsenter Traditionszusammenhänge fehlt. Dennoch beruhen die hier zu
verfolgenden Parallelen nicht auf bloßem Zufall. Gezeigt werden soll vielmehr,
daß zentrale gnostische Vorstellungen, die teilweise bereits durch die
Auseinandersetzung der antiken Gnosis mit dem frühen Christentum in den abendländischen
Diskurs eingewandert sind, unter bestimmten historischen Bedingungen
aktualisiert werden; Bedingungen, die sowohl durch die literarische Tradition
wie die historische Situation definiert werden. Die gnostische Denkfigur stellt
dabei nicht einfach ein Schema dar, das nach der Lektüre der entsprechenden
Traktate kurzerhand kopiert werden könnte, sondern sie wirkt eher wie ein
Kristallisationskern für die eigenen
historischen Erfahrungen.
Den zweiten
Schwerpunkt dieser Arbeit wird daher die Frage nach den
Bedingungen dieser Aktualisierung
bilden. Anfechtbar erscheint in jedem Falle die weitverbreitete Auffassung, der
Pessimismus der Gnostiker ebenso wie der ihrer modernen Nachfahren sei eine
Reaktion auf den ›Druck entsetzlicher Zeiten‹ (Reitzenstein). Ihr widerspricht
bereits die Tatsache, daß die antike Gnosis gerade nicht in einer Verfallsperiode entsteht, sondern in der frühen
Kaiserzeit, die vor allem im syrischen Entstehungsgebiet der Gnosis eine Phase
wirtschaftlicher Prosperität und sozialer Stabilität darstellte. Dies gilt im
übrigen auch für die Anfänge der hier zu verfolgenden Entwicklung: Der
Pessimismus der Moderne beruft sich zwar auf die Décadence des Imperiums, tatsächlich entsteht er aber gerade
nicht in der Depressionsphase zwischen
den Weltkriegen, sondern in der Aufschwungseuphorie der Gründerzeit.[21] Ein weiterer Vorbehalt gegen die immer
noch weitverbreitete Tendenz, die pessimistischen Gegenwartsdiagnosen auch
gleich zu ihrer eigenen Begründung heranzuziehen, ergibt sich aus der bereits
angedeuteten allgemeinen Verbreitung des Glaubens an eine allgemeine
Verblendung. So verständlich es aus den genannten Gründen sein mag, wenn die
Anhänger dieser Auffassung eben jene Öffentlichkeit als Opfer von Ignoranz und
Verblendung darstellen, aus der doch ihre eigene Theorie stammt: eine
wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Theorien sollte deren
Positionen nicht blindlings übernehmen.
Die Gnosis, so wird hier zu zeigen
sein, vertritt einen vermittelten, einen sekundären
Pessimismus, der nicht einfach als Widerspiegelung des Bestehenden, sondern
als eine ganz bestimmten Intentionen folgende Lesart verstanden werden muß. Die Vertreter dieser Vorstellungen
sind in der Regel nicht die passiven Opfer von Krisen, als die sie häufig auftreten, sondern eher die aktiven
Vorkämpfer grundsätzlicher Veränderungen. Genau dabei erweist sich die
gnostische Denkfigur als hilfreich: Sie vermag geltende Konventionen außer
Kraft zu setzen, um so eine radikal oppositionelle Position zu formulieren. Die
Welt wird diskreditiert als Werk von Finsternis und Ignoranz, dem die
Abgesandten des Guten und die Inhaber eines höheren Wissens gegenüberstehen:
das gnostische Denken betreibt somit eine Selbstermächtigung
des Subjekts. Jener Gestus des Opfers, mit dem die modernen Verfechter
dieser Lehren zuweilen auftreten, ist daher häufig Bestandteil einer
Dramaturgie, die ihre Protagonisten in der als Kampf zwischen Licht und
Finsternis gedeuteten Auseinandersetzung mit etablierten Vorstellungen
unterstützen soll.
Der Hinweis
auf eine strukturelle Verwandtschaft mit gnostischem Denken impliziert also
kein Urteil über diese Theorien; die Logik dieser Denkfigur, aber auch die nur
allzu berechtigte Kritik ihrer modernen Vertreter am blinden Rationalismus der
eigenen Gegenwart verbietet insbesondere die Gleichsetzung von Gnosis und
Irrationalismus. Gerade eine Auseinandersetzung mit dieser Lehre muß sich davor
hüten, selbst in einen gnostischen Dualismus zu verfallen, um sich blindlings
den Versprechungen der Häretiker oder aber den Denunziationen ihrer Gegner
anzuvertrauen.
Angesichts der
Bedeutung einer genaueren Verständigung über das begriffliche Instrumentarium
wird diese Arbeit mit einer typologischen und historischen Charakteristik des
gnostischen Denkens einsetzen. Ihr folgt ein Überblick über die
Wirkungsgeschichte der Gnosis. Zu verfolgen ist hier nicht allein der Prozeß
des Einwanderns dieser Vorstellungen in die abendländische Geistesgeschichte,
vielmehr ergibt sich dabei auch Gelegenheit zu einer ersten Bestimmung der Antriebskräfte
dieses Denkens.
Detaillierter
soll die Rezeption des Gnostizismus im neunzehnten Jahrhundert verfolgt werden;
dabei sind zwei Traditionen zu unterscheiden: Innerhalb der theoretischen
Diskussion kommt es bereits bei Schopenhauer zu einer Annäherung an gnostische
Vorstellungen, die ihre Fortsetzung bei Eduard v. Hartmann, Mainländer und
Nietzsche findet. Kaum weniger bedeutsam ist die gut dokumentierte Adaptation
gnostischer und hermetischer Vorstellungen bei Künstlern wie Baudelaire,
Mallarmé, Gauguin oder Kandinsky: Sie selbst treten auf in der von Balzac perhorreszierten Rolle des Magus. Die Künste,
so die dahinterstehende, gnostischen Traditionen verpflichtete Überlegung,
müßten sich von der Nachahmung der armseligen Schöpfung emanzipieren und eine
eigene, ›andere‹ Welt schaffen. Vorgearbeitet wird damit nicht nur der Rezeption
gnostischen Denkens durch die moderne Kunstphilosophie, es werden auch - in
Anlehnung an die Gnosis - Vorstellungen entwickelt, die später in
erkenntnistheoretische und geschichtsphilosophische Entwürfe eingehen werden.
Tatsächlich führt die Aufwertung der Künste zur ›eigentlich metaphysischen
Tätigkeit‹ einerseits und die Integration ästhetischer Momente in den
philosophischen Diskurs andererseits zu einer Annäherung beider Bereiche, die
ihren Ausdruck in der Auffassung findet, daß die ästhetische Erfahrung ein
notwendiges Komplement der theoretischen Einsicht darstelle: Nicht zuletzt
hieraus ergibt sich eine Erklärung für die besondere Bedeutung der Ästhetik in
der Philosophie der Moderne.
Der Hauptteil
dieser Arbeit wird sich konzentrieren auf vier maßgebliche Entwürfe im
Spannungsfeld von Ästhetik, Kulturkritik und Philosophie, die in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts entstanden sind. Im Mittelpunkt stehen zwei
Repräsentanten der konservativen Intelligenz, Martin Heidegger und Ludwig
Klages, sowie zwei Autoren, die dem Umkreis der linken Opposition zuzurechnen
sind, Ernst Bloch und Theodor W. Adorno. Die Affinität zur Gnosis, so wurde
bereits angedeutet, ergibt sich dabei in erster Linie nicht aus der Rezeption
einzelner inhaltlicher Motive, vielmehr besteht hier eine strukturelle Verwandtschaft. Sie beeinflußt auch das Verhältnis der
Autoren zueinander; jenseits aller Differenzen und über die politischen
Gegensätze hinweg werden bemerkenswerte Gemeinsamkeiten sichtbar, die
gleichzeitig auf die historische Gnosis verweisen.
Auffällig ist
zunächst die Kluft zwischen der tief pessimistisch beurteilten Gegenwart und
einem utopischen ›Anderen‹, dessen Beschreibungen häufig eschatologische Züge
annehmen: Bei Klages ist es der scharfe Kontrast zwischen der über die
Zeitgenossen verhängten Herrschaft des demiurgischen Geistes und der
ursprünglichen Einheit des ›Pelasgertums‹, Bloch setzt dem ›mächtig-nichtigen
Machwerk‹ von Wissenschaft und Technik seine Utopievorstellung entgegen, bei
Heidegger ist es der Gegensatz zwischen der ›Diktatur des Man‹ und der
›Eigentlichkeit‹, zwischen ›Seinsvergessenheit‹ und dem Kommen des ›Letzten
Gottes‹, und Adorno schließlich unterscheidet zwischen ›verwalteter Welt‹ und
›Versöhnung‹. Gleichzeitig läßt sich dabei eine charakteristische Entwicklung
beobachten. Während die kurz nach der Jahrhundertwende entstehenden Theorien
von Klages und dem jungen Bloch noch eine bemerkenswerte Nähe zur gnostischen
Mythologie und ihren Hypostasen zeigen, findet bei Heidegger, vor allem aber
bei Adorno eine weitgehende Rationalisierung des gnostischen Denkens statt.
Dabei erhalten sich die Strukturen dieser Denkfigur, die Mythologie aber
verblaßt zur Metaphorik.
Einig sind
sich die Autoren in den zentralen Punkten ihrer Kritik am Bestehenden. So
verfällt die Fortschrittsvorstellung, wie
sie die Aufklärung und das neunzehnte Jahrhundert beherrscht hatte, nicht nur
bei den konservativen Autoren einer radikalen Kritik.[22] Ein Ende der
gegenwärtigen Misere, so die der gnostischen Apokalyptik folgende
Argumentation, sei nicht durch einen kontinuierlichen Prozeß, sondern allenfalls durch einen apokalyptischen
Umbruch zu erwarten. Nicht weniger
entschieden ist die Ablehnung der Öffentlichkeit. Für Rousseau und Kant noch die Garantie, daß sich die Vernunft schließlich
durchsetzen werde, ist sie für die hier versammelten Autoren ebenso wie für die
antiken Gnostiker ein Ort der Verblendung, der allein eine kleine Schar
Auserwählter zu entgehen vermag. Charakteristisch für die historische wie für
die moderne Gnosis sind schließlich massive Vorbehalte gegenüber der
szientifischen Erkenntnis: das von
der Gnosis in Anspruch genommene eigentliche Wissen entgehe den Wissenschaften. Es sei zugänglich in einer ekstatischen
Erfahrung, die die antiken Gnostiker in der ›Palingenesie‹ und ihre modernen
Nachfahren vor allem in der Kunst verorten.
Genau
hier liegt der Fluchtpunkt der vorzustellenden Theorien: Sie
vollziehen einen Paradigmenwechsel,
der das szientifische Wissen[23] aus der Rolle der maßgeblichen Instanz
von Erkenntnis verdrängt und an seine Stelle die Orientierung an der
ästhetischen Erfahrung des Subjekts setzt. Während für den Neukantianismus
oder die Husserlsche Phänomenologie die
Grenzen des wissenschaftlich Erkennbaren mit den Grenzen der Erkenntnis
überhaupt zusammenfielen, nehmen Bloch, Klages, Adorno und Heidegger für ihre
Philosophie ein Wissen in Anspruch, das sich wesentlich auf die Kunst beruft.
Legitimität gewinnt dieser Paradigmenwechsel nicht zuletzt durch die gnostische
Denkfigur, die die Wissenschaften als Opfer einer Verblendung diskreditiert und
gleichzeitig die Erfahrung des Subjekts, insbesondere die ästhetische
Erfahrung, entschieden aufwertet. Die Künste, die von Hermann Cohen noch auf
die ›wissenschaftliche Einsicht der Natur‹[24] verpflichtet worden waren,
emanzipieren sich nicht nur selbst vom ›Wahn‹[25] wissenschaftlicher Erkenntnis, auch
die Philosophie wird von diesem Prozeß ergriffen und sie rekurriert dabei auf
die ästhetische Erfahrung. Hatte Husserl die Philosophie noch als ›strenge
Wissenschaft‹[26] begriffen, so distanziert sich der
Husserl-Schüler Martin Heidegger später ganz dezidiert von den Wissenschaften;
vor allem in der Kunst sei jene Wahrheit zugänglich, die aus der
jahrtausendelangen Verfallsgeschichte von Wissenschaft und ›Metaphysik‹
hinausführe. Adorno dehnt die Zuständigkeit der Künste noch weiter aus: Sie
werden zum Paradigma nicht nur der Erkenntnis, sondern der Realität schlechthin,
wenn die Ästhetische Theorie eine
›Umkehrung der Nachahmungslehre‹ fordert: »In einem sublimierten Sinn soll die
Realität die Kunstwerke nachahmen.«[27]
Entscheidend ist dabei, daß die skizzierten
Vorstellungen einen Verweisungszusammenhang in dem oben dargestellten Sinne
bilden: Die Kritik am Schematismus der wissenschaftlichen Begriffssprache kann
sich auf jenen genuinen Zugang zur Wirklichkeit berufen, der in der
ästhetischen Erfahrung möglich ist. Deren esoterischer Charakter läßt sich
wiederum durch den Verweis auf die in der Öffentlichkeit herrschende
Verblendung rechtfertigen, durch die im übrigen auch die verbreiteten
Fortschrittserwartungen entwertet werden.
Seine Überzeugungskraft verdankt das
gnostische Denken nicht zuletzt dem Bemühen um den Nachweis, daß diese
Vorstellungen auch nach den von ihnen selbst
gesetzten Maßstäben unhaltbar seien. Es sucht den wissenschaftlichen und
öffentlichen Diskurs nach seinen eigenen
Regeln zu widerlegen, bestimmen diese doch, daß der wissenden Kritik der Vorzug
vor einer bloßen Behauptung zu geben sei. Fraglich ist allerdings, ob nicht
die ›Wirklichkeit‹, an der sich diese Kritik ausweist, so weit vorgeprägt ist,
daß sie die Thesen der Gnostiker nur noch bestätigen kann. Zwar wird hier
niemals ausdrücklich bestritten, daß eine Theorie falsifizierbar sein muß durch
Beobachtungen, die ihren Voraussagen widersprechen oder ihren
Erklärungshorizont übersteigen, tatsächlich aber neigt das gnostische Denken
dazu, Erfahrungen auszuschließen, die den von ihm vorgesteckten Rahmen sprengen
könnten. Diese gegenseitige Affirmation von Empirie und Explikation ergibt sich
aus dem oben skizzierten Verweisungszusammenhang; sie verleiht den Lehren der
antiken Gnostiker, aber auch denen ihrer modernen Nachfahren Immunität
gegenüber allen Einwänden und stimuliert damit die radikal oppositionelle
Haltung der Gnosis gegenüber allem Bestehenden.
Gnosis - in ihrer antiken wie in der modernen
Variante - ließe sich so verstehen als eine Theorie des ›Ganz
Anderen‹. Sie widersetzt sich dem antiken Zyklusdenken ebenso wie den
Strukturen der sich etablierenden Kirche, den Dogmen der Scholastik und den
Mechanismen der empirischen Wissenschaft: Ihnen allen stellt sie jenes utopische
›Andere‹ entgegen. Sie befreit sich von überlebten Konventionen und ist dabei
radikal kritisch, aber längst nicht im selben Maße produktiv: Die
Dramatisierung der Gegensätze hindert sie nicht nur daran, das ›Andere‹ in den
Kategorien des Bestehenden auszudrücken, sie birgt auch die Gefahr des
Umschlags in bloße Resignation, weil die Wirklichkeit unrettbar schlecht, ihr
Gegenbild aber ungreifbar ist. Die folgende Studie wird daher
versuchen, den Standpunkt der einzelnen Theorien im Spannungsfeld von Rationalitätskritik
und Utopie, von Resignation und Revolte zu bestimmen.
[3]
Arnold,
Unparteyische Kirchen= und Ketzer=Historie p. 40. Goethe las Arnolds Werk zur
Zeit der Arbeit am Urfaust und
erhielt dadurch »von manchen Ketzern, die man mir bisher als toll oder gottlos
vorgestellt hatte, einen vorteilhaftern Begriff«. Goethe, Werke
Bd. IX p. 350, cf. 413. Im
Anschluß an diese Lektüre entwirft Goethe selbst eine gnostische Kosmogonie,
die freilich sehr versöhnlichen Charakter hat. Siehe Bartscherer, Paracelsus p.
8 sq.
[4]
Unter
den Schülern des Simon Magus sollen sich nach den pseudoclementinischen
Recognitionen ein Faustinus und ein Faustus befunden haben; cf. Palmer, The
Sources of the Faust Tradition p. 19. Auch die Helena‑Episode entstammt
wohl der Überlieferung des Simon Magus, dessen Gefährtin angeblich eine
Reinkarnation der griechischen Helena war; cf. Lippmann, Sagengeschichtliches
zur Helena.
[5]
Balzac,
Der Alchimist p. 219: »›Die einzigen Schätze, die wir in Flandern besitzen,
Vetter, sind Ausdauer und Arbeit‹, erwiderte Conyncks streng.«
[13]
cf.
Schuler, Fragmente und Vorträge; der Begriff ›heidnische Gnosis‹ stammt aus dem
von Klages verfaßten Vorwort. Schulers Vorträge entstehen zwar erst um 1915,
also nach dem Bruch mit George, die wesentlichen Inhalte sind jedoch weitaus
älter.
[16]
»A re-appraisal of those aspects of his
verse ... discovers firstly a strong religious dualism underlying Trakl’s
work, resembling a Gnostic rather than a Christian position. Lincoln, Religious Dualism p. 229.
[18]
»So
erblicken und empfinden wir in der leuchtenden Korona seiner Vorgänger um die
große gnostische Sonne, die blendenden Paradoxien des Einsiedlers von Sils
Maria als einen glanzvollen vulkanischen Glutausbruch.« Geucke, Goethe und das
Welträtsel p. 31. Geucke bezieht sich in der Einleitung ausdrücklich auf E. H.
Schmitt.
Das sind
des Himmels lichtgeküßte Söhne,
Die deren Leib nur von der Erde
stammt,
Doch deren Geist in seiner zarten Schöne
Als Licht von oben in sie eingeflammt.
Busse-Palma,
Brückenlieder p. 122 (Die Schöpfung).
[20]
Ein
Beispiel für das romantische Bemühen, die Zuspitzungen des gnostischen Denkens
zu vermeiden, gibt Novalis in seinem Essay Die
Christenheit oder Europa: »Beide Theile haben große, nothwendige
Ansprüche und müssen sie machen, getrieben vom Geiste der Welt und der
Menschheit; ... hier die Andacht zum Alterthum, die Anhänglichkeit an die
geschichtliche Verfassung, die Liebe zu den Denkmalen der Altväter und der
alten glorreichen Staatsfamilie, und Freude des Gehorsams; dort das entzückende
Gefühl der Freiheit, die unbedingte Erwartung mächtiger Wirkungskreise. ...
Keine hoffe die Andere zu vernichten.« Novalis, Werke Bd. II p. 748; cf.
Kaltenbrunner, Novalis p. 177-180.
[21]
Dies
gilt für die Schopenhauerrezeption, Nietzsches Geburt der Tragödie (1872) sowie Hartmanns
Philosophie des Unbewussten (11869, 21870). Für eine genauere Darstellung der trotz des Aufschwunges recht
wechselhaften Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs cf. Hentschel, Wirtschaft
und Wirtschaftspolitik, insb. p. 205-259. Hentschel wendet sich dabei gegen die
von Rosenberg vertretene These einer ›Großen Depression‹ zwischen 1873 und
1896, die auch von Geoff Eley bezweifelt worden ist: »Angesichts dieser Zahlen
ist der Begriff ›Große Depression‹ ... falsch und irreführend.« l. c.
Hentschel, Wirtschaft und
Wirtschaftspolitik p. 209, cf. Rosenberg, Grosse Depression, insb. p.
25-30. Eley betont neben der Fragwürdigkeit des statistischen Ausgangsmaterials
der Rosenbergschen These vor allem die generelle Problematik der Beziehung
zwischen wirtschafts- bzw. sozialgeschichtlichen Krisenphänomenen und
geistesgeschichtlichen Krisendiagnosen: »Methodologically this sort of analysis
proceeds from the identification of structural trends to the description of an
ideological response in particular sections of the population, which is then
invoked mechanically as a confirmation of the original trends.« Eley,
From Unification to Nazism p. 32.
[22]
Dies
schließt nicht aus, daß die Autoren später andere Positionen verfochten haben.
Während das Blochsche Frühwerk, das hier allein die Grundlage der
Auseinandersetzung mit diesem Autor bildet, eine massive Skepsis gegenüber der
Fortschrittsvorstellung bewahrt, kommt der Autor später zu völlig anderen
Einschätzungen. Derartige Entwicklungen werden jeweils in den einzelnen
Kapiteln anzusprechen sein.
[24]
»Auch
abgesehen von der Technik, sieht der Künstler genauer, tiefer, voller, der mit
wissenschaftlicher Einsicht die Natur begreift: Ein genaues, den Methoden und
Ergebnissen der Forschung angemessenes Naturobject hat der Künstler zu
konstruieren und - aber für einen neuen Inhalt - zu neuer Erscheinung
zu bringen.« Cohen, Kants Begründung der Ästhetik p. 229.
[25]
»Die
Wissenschaft schien mir vernichtet: ihre wichtigste Basis war nur ein Wahn, ein
Fehler der Gelehrten die nicht im verklärten Licht mit ruhiger Hand ihr
göttliches Gebäude Stein für Stein bauten, sondern in Dunkelheit aufs
Geradewohl nach Wahrheiten tasteten und blind einen Gegenstand für einen andern
hielten.« Kandinsky, Rückblick p. 16.